in memoriam Gisela Al Amily

geboren am 25. März 1936 in Uelzen

gestorben am 5. März 2017 in Berlin

Ich möchte mit dieser Seite an Gisela Al Amily, den Menschen und die Künstlerin erinnern, die in den letzten Jahren zu einer festen Größe in meinem Leben wurde und die ich als Mensch und Künstlerin liebgewonnen und sehr geschätzt habe. 2012 haben wir in meiner Pop-Art-Galerie Berlin in der Bundesallee eine umfangreiche Ausstellung ihrer Werke zusammengestellt. Dazu ist ein Katalog erschienen.

Gisela Al Amily, Heißer Sommer in Berlin I, 2005, Acryl/Leinwand, 60 x 80 cm (Titelbild des Kataloges) Gisela Al Amily, Heißer Sommer in Berlin I, 2005, Acryl/Leinwand, 60 x 80 cm (Titelbild des Kataloges)

Im Vorwort des Kataloges schreibt ihre Freundin Friederike Schmieder:

Im Mittelpunkt des Schaffens von Gisela Al Amily steht der Mensch und die Orte seiner Existenz. Es sind Momente alltäglicher Augenblicke und Geschichten am Rande der Gesellschaft, eingebettet in das urbane Leben. Alle Bildnisse sind Ausdruck des unmittelbaren Empfindens der eigenen Umwelt, eine Aus-einandersetzung mit der sie umgebenden Wirklichkeit und die künstlerische Umsetzung geprägt durch die eigene Lebensgeschichte und der eigenen Gefühlswelt. Gisela Al Amily lässt sich stets von aktuellen Themen inspirieren. Das, was sie interessiert und anzieht sind vor allem jene Dinge, die sich häufig unterhalb der Oberfläche zeigen, menschliche Empfindungen. Viele Bilder zeugen daher von der Zerrissenheit menschlicher Biographien und Formen des Gemeinlebens. Sie handeln von Einsamkeit durch bewusste oder unbewusste Abgrenzung, Liebe oder Schmerz und bilden so Momentaufnahmen des komplexen Seelenlebens.

In der Regel stellen alle Portraits Abbildungen fiktiver Personen dar. Ein realer Bezug zur Wirklichkeit ist nie angestrebt, wenngleich Gisela Al Amily häufig im Nachhinein ein Modell in der Realität trifft oder verblüfft Übereinstimmungen mit Freunden, Bekannten und sogar mit sich selbst feststellt. Doch dies ist nicht verwunderlich, denn streng genommen gibt es den bloßen Gegenstand in der Malerei nicht; es gibt nur die bildgewordene Sicht des Künstlers auf diesen Gegenstand. Und diese Sicht ist immer eine subjektive und lässt sich vom eigenen Ich nie gänzlich trennen.

Am eindringlichsten zeigt sich dies bei den Bildnissen der Rosa Luxemburg und Sahra Wagenknecht. Beide Portraits sind im Rahmen einer Auftragsarbeit entstanden und zeigen die Frauen in einem sehr intimen, verinnerlichten Moment. Nicht die öffentliche Person steht im Fokus, sondern der Mensch mit seinen Nöten, Sorgen und Ängsten.

In dem für Gisela Al Amily typischen Malduktus ausgeführt, reihen sich diese beiden Portraits in die der anderen Werke harmonisch ein. Sie alle tragen dieselbe Handschrift. Jeder Mensch hat seine Geschichte. In der Begegnung mit ihnen erhalten wir alle einen weiteren Farbwert in unserem Leben, einen Abdruck. „In Wahrheit spiegelt die Kunst den Betrachter, nicht das Leben“, sagte einmal Oscar Wilde. Die Geschichten, die Gisela Al Amily erzählt, lassen uns immer Raum für eigene Gedanken. Beim Betrachten reflektiert jeder seine eigenen Erfahrungen und damit verbunden die eigenen Emotionen. Viele der Portraits tragen melancholische Züge. In dem Bildnis der Rosa kulminiert dieser Wesenszug gar, indem ihr tragisches Ende schon vorweggenommen scheint. Christina Weiss, unsere ehemalige Kulturstaatsministerin, sagte einst: „Melancholie ist die Auszeichnung jedes Menschen, der zu Ende denkt.“ Oder anders formuliert, der Melancholie geht stets ein tieferes Verständnis voraus. Es steht in keinem Widerspruch zu den heiteren Momenten, die wir hier auch erleben. Das Glück und das weniger Freudvolle gehen Hand in Hand, so auch im realen Leben.

Das einende Moment aller Gemälde ist Gisela Al Amilys unvoreingenommener und ungeschönter Blick auf die Dargestellten und das Dargestellte. Immer offenporig für die Belange der Menschen, nie wertend. Ihre empathische Haltung ist dabei das tragende Element. Ihre Offenheit und Neugierde für den städtischen Alltag in Berlin in seiner Vielschichtigkeit sowie ihr ausgeprägtes Interesse am Weltgeschehen befähigt sie, die unterschiedlichsten Themen miteinander zu verweben. Und auf eine sehr unaufdringliche Art und Weise lenkt sie unseren Blick in der Flut der Nachrichten und Bilder auf die kleinen Momente, als wolle sie sagen: schau, das ist die Welt vor meiner Tür.

Gisela Al Amily: Rosa L., 2012, Gouache auf Leinwand, 79 x 59 cm
Gisela Al Amily: Sahra Wagenknecht, 2013, Gouache auf Leinwand, 79 x 59 cm

Für den Kalender "RevolutionäreInnen aus aller Welt" 2013 porträtierte sie Rosa Luxemburg und für den "Starke Frauen"-Kalender 2017 Sahra Wagenknecht; zwei Frauen, die sie bewunderte.